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Ob sie sich dabei selbst angefasst habe, wollten
sensationsgeile Journalisten nacher wissen. "Ja, ich habe meine Haende
auf die Knie gestuetzt", antwortete Donna Summer. Mit gebeugtem Ruecken
sass sie im abgedunkelten Tonstudio und stoehnte in knapp 17 Minuten 22
Orgasmen ins Mikrofon. Besonders schwer sei das nicht gewesen, erzaehlt
sie heute. Sie habe ja kaum mehr als fuenf Worte merken muessen: Love
to Love You Baby.
Anstrengend wurde es erst durch die Ektase
der anderen. 500 Leute rissen in Italien von lauter Aufregung fast ein
Zelt nieder, in dem Summer auftrat, und schuettelten die Saengerin anschliessend
samt ihrem Wohnwagen so lange hin und her, bis sie sich wie ein Martini-Cocktail
fuehlte.
Oder damals in Rio de Janeiro. Da war sie
schon beruehmt, zigtausend Zuschauer vor sich und zig Bodyguards hinter
sich. Die allerdings heillos ueberfordert waren, als die Meute zur Buehne
stuermte und sie dabei immer weiter nach hinten schob. Manche Maenner
hatten sich die Kleider vom Leib gezerrt und versuchten, sich zu Donna
hochzuangeln. "Das war einfach zu viel, das haelt kein Mensch aus",
sagt die Saengerin. Seitdem ist "Love to Love You Baby" aus
ihrem Repertoire gestrichen.
Sogar auf ihrer neuen Platte "Live &
More - Encore", die diesen Herbst in Deutschland erschienen ist und
neben drei neuen Stuecken noch mal alle alten Hits live gesungen vereint,
fehlt die Nummer.
Aber damals, im Spaetsommer 1975 in Muenchen,
war der Song noch ein einziges Versprechen. Fuer Summer verscprach er
den Durchbruch als solistin, auch wenn ihr beim ersten Anhoeren der Aufnahme
vor Scham das Blut in den Kopf stieg. "Zum Glueck koennen scharze
Menschen nicht rot werden. "Fuer die Produzenten Pete Bellotte und
Giorgio Moroder versprach die Nummer Geld, viel Geld, denn sie lieferte
den perfekten Soundtrack fuer endlose Disco-Naechte. Donna Summer lebte
damals schon einige Jahre in Muenchen. Sie wahr Ende der Sechziger als
Showgirl mit dem Musical "Hair" in die Stadt gereist und geblieben.
Warum? Weil sie hier Jobs als Chorsaengerin fand, weil sie das Essen mochte
und weil sie viele Freunde hatte. Sie heiratete den Schauspieler Helmut
Sommer und loeste damit ganz nebenbei das Problem ihres Kuentlernamens.
Aus Donna Gaines, einem Maedchen mit sechs Gescwistern und armen Eltern,
wurde Donna Summer. "Es war eine schoene Zeit", sagt sie. Und
was sie erzaehlt, klingt genauso: lange schlafen, in Cafe`s rumtroedeln,
reden, sich fuer den Abend umziehen, dazwischen vielleicht ein Auftritt
- und sonst: tanzen. Im P1 oder Drop In, im Take Five, Charly M. oder
Why not? Den Sonnenaufgang erlebte Summer meistens bei Knoedeln, Kraut
und Wuerstchen in der Deutschen Eiche. "Ganz spaet sind wir immer
alle dort hin, das war ein Hotel-reataurant mit einer sehr komischen Wirtin,
und da sind wir immer ganz lange geblieben. Ich glaube, man sagt dazu
rumhaengen, oder?"
1976 war es damit schlagartig vorbei. "Love
to Love You Baby" wurder zur Hymne all jener, die sich unter den
spiegelden Disco-Kugeln um sich selber drehten, und aus Donna Summer wurde
die Queen of love. Heute lacht sie darueber. "In Amerika muss eben
jedes Produkt einen namen haben, und ich war ein produkt, genau wie Coca-Cola."
Mit dem kleinen Unterschied, dass Brause keine Nervenzusammenbrueche bekommen
kann. Waehrend ihre Songs die Charts eroberten, Teenies ihr Make-up kopierten
und Plattenbosse sich an ihrem Erfolg berauscten ("Wir haben sie
gross gemacht, groesser als das Leben", bruestete sich Neil bogart,
Chef des Labels Casablanca Records), durchlitt Summer saemtliche Superstar-Symptome.
Auf dem Hoehepunkt ihres Ruhms Ende der Siebziger kaenfte sie mit Anfaellen
und Groessewahn, verlangte mal schnell nach einem Privatjet, bestellte
ihn aber wieder ab, als er gerade auf dem Weg zu ihr war. Begruendung:
Ihre Astrologin habe ihr geraten, an diesem Tag besser nicht zu fliegen.
Sie beschwerte sich ueber die Kuenstlergarderobe in der Arena von Verona
und kaufte Juwelen, Kleider und autos wie andere Leute Schwarzbrot. "Ich
war ein Dollarzeichen", sagt sie. "Die Leute haben sich nur
noch wegen meines Erfolgs und meines Geldes um mich bemueht, meine Persoehnlichkeit
loeste voellig auf." Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Selbstmordgedanken
waren die glanzlosen Begleiter des Geglitzers.
Heute, und das ist immerhin 20 Jahre spaeter,
sieht Donna Summer, 50, besser und juenger aus als zu den Zeiten ihrer
grossen Disco-Hits. das kann unmoeglich nur jenem Gott zu verdanken sain,
zu dem sie als "Wiedergeborene Christin" in der Zwischenzeit
gefunden hat. Es muss auch einer von dessen irdischen Stellvertretern
in Weiss seine Finger im Spiel gehabt haben. aber darueber spricht nicht
einmal eine so patente Diva wie Summer. Lieber erzaehlt sie von ihrer
Farm in Nashville und wie normal ihr Leben mit ihren Toechtern dort sei.
nun hat das Wort "normal" fuer Stars eine leicht verschobene
Bedeutung, aber wie zum Beweis ihrer handfesten Normalitaet beginnt Summer
vom Waeschewaschen zu reden. "Es macht mir Spass, die Kleider zu
sortieren, sie in die maschine zu tun und das Pulver einzufuellen. Ich
weiss, das klingt komisch, aber ich raume auch gern den Geschirrspueler
ein."
Und man faengt an, ihr zu glauben, dass in
ihrem Leben genuegend Raum ist, um sechs US-Nummereins-Songs zu singen
und eine "Wiedergeborene Christin" zu sein, um drei Kinder zu
bekommen und die Queen of Love zu geben, um Hausarbeit zu lieben und und
funkelnde Paillettenroben zu tragen. "She Works Hard For the Money"
ist nicht einfach einer ihrer Hits, sondern ihre Hymne.
begonnen hat die Geschichte damit, dass sie
acht war und im Kirchenchor so gern ein Solo gesungen haette. "Sie
haben mich nicht gelassen, denn meine Stimme war schrecklich. Ich habe
gequietscht und gepresst. "Sie hat auch heimlich geuebt, weil sie
wusste, dass sie singen kann. "Wenn ich geschriehen habe, war meine
Stimme laut und kraeftig." Dann war eines Abends die Solistin krank,
und Donna durfte nach vorn treten. "Aus mir kamen so wunderbare Toene
heraus, dass ich vor Schreck anfing zu weinen." Damals will sie Gottes
Stimme gehoert haben, der zu ihr sagte: Das ist Kraft, und wenn du diese
Kraft richtig einsetzt, wirst du beruehmt. Wem immer die Stimme gehoerte,
sie hate Recht.
Fuer Summer wird dieser Abend in einer kleinen
Kirche in Boston immer ihr Schlusselerlebnis bleiben. Und wenn sie im
naechsten Jahr am Broadway mit "Ordinary Girl" Premiere hat,
einem Musical ueber das Leben eines schwarzen Maedchens namens Donna,
das sich als Tingeltangel-Saengerin in Muenchen durchschlaegt und als
Disco-Queen nach Amerika zurueckkehrt, wird diese Szene sicher nicht fehlen.
| Wie viel Kraft noch immer in ihrer Stimme steckt, scheint
sogar ihren Bodyguard zu erstaunen. Als sie zum Schluss des Interviews
die Haende auf die Knie stuetzt, ein paar Oktaven weit ausholt und
gurrend die Tonleiter rauf- und runtergleitet, steckt er kurz pruefend
seinen kopf zur Tuer herein. "Love to Love You Baby", singt
sie ihm lachend entgegen. Auch diesmal wieder unter Ausschluss der
Oeffentlichkeit. |
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Popstar Summer ( um 1979 )
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