"Ich war ein Dollarzeichen"



Was macht eigentlich die Disco-Queen Donna Summer? Das Stoehnen hat sie laengst aufgegeben, aber nicht das Singen.




 

Donna Summer

 





Cover



text: Claudia Voigt
Fotos: Holger Roschlaub

Ob sie sich dabei selbst angefasst habe, wollten sensationsgeile Journalisten nacher wissen. "Ja, ich habe meine Haende auf die Knie gestuetzt", antwortete Donna Summer. Mit gebeugtem Ruecken sass sie im abgedunkelten Tonstudio und stoehnte in knapp 17 Minuten 22 Orgasmen ins Mikrofon. Besonders schwer sei das nicht gewesen, erzaehlt sie heute. Sie habe ja kaum mehr als fuenf Worte merken muessen: Love to Love You Baby.

Anstrengend wurde es erst durch die Ektase der anderen. 500 Leute rissen in Italien von lauter Aufregung fast ein Zelt nieder, in dem Summer auftrat, und schuettelten die Saengerin anschliessend samt ihrem Wohnwagen so lange hin und her, bis sie sich wie ein Martini-Cocktail fuehlte.

Oder damals in Rio de Janeiro. Da war sie schon beruehmt, zigtausend Zuschauer vor sich und zig Bodyguards hinter sich. Die allerdings heillos ueberfordert waren, als die Meute zur Buehne stuermte und sie dabei immer weiter nach hinten schob. Manche Maenner hatten sich die Kleider vom Leib gezerrt und versuchten, sich zu Donna hochzuangeln. "Das war einfach zu viel, das haelt kein Mensch aus", sagt die Saengerin. Seitdem ist "Love to Love You Baby" aus ihrem Repertoire gestrichen.

Sogar auf ihrer neuen Platte "Live & More - Encore", die diesen Herbst in Deutschland erschienen ist und neben drei neuen Stuecken noch mal alle alten Hits live gesungen vereint, fehlt die Nummer.

Aber damals, im Spaetsommer 1975 in Muenchen, war der Song noch ein einziges Versprechen. Fuer Summer verscprach er den Durchbruch als solistin, auch wenn ihr beim ersten Anhoeren der Aufnahme vor Scham das Blut in den Kopf stieg. "Zum Glueck koennen scharze Menschen nicht rot werden. "Fuer die Produzenten Pete Bellotte und Giorgio Moroder versprach die Nummer Geld, viel Geld, denn sie lieferte den perfekten Soundtrack fuer endlose Disco-Naechte. Donna Summer lebte damals schon einige Jahre in Muenchen. Sie wahr Ende der Sechziger als Showgirl mit dem Musical "Hair" in die Stadt gereist und geblieben. Warum? Weil sie hier Jobs als Chorsaengerin fand, weil sie das Essen mochte und weil sie viele Freunde hatte. Sie heiratete den Schauspieler Helmut Sommer und loeste damit ganz nebenbei das Problem ihres Kuentlernamens. Aus Donna Gaines, einem Maedchen mit sechs Gescwistern und armen Eltern, wurde Donna Summer. "Es war eine schoene Zeit", sagt sie. Und was sie erzaehlt, klingt genauso: lange schlafen, in Cafe`s rumtroedeln, reden, sich fuer den Abend umziehen, dazwischen vielleicht ein Auftritt - und sonst: tanzen. Im P1 oder Drop In, im Take Five, Charly M. oder Why not? Den Sonnenaufgang erlebte Summer meistens bei Knoedeln, Kraut und Wuerstchen in der Deutschen Eiche. "Ganz spaet sind wir immer alle dort hin, das war ein Hotel-reataurant mit einer sehr komischen Wirtin, und da sind wir immer ganz lange geblieben. Ich glaube, man sagt dazu rumhaengen, oder?"

1976 war es damit schlagartig vorbei. "Love to Love You Baby" wurder zur Hymne all jener, die sich unter den spiegelden Disco-Kugeln um sich selber drehten, und aus Donna Summer wurde die Queen of love. Heute lacht sie darueber. "In Amerika muss eben jedes Produkt einen namen haben, und ich war ein produkt, genau wie Coca-Cola." Mit dem kleinen Unterschied, dass Brause keine Nervenzusammenbrueche bekommen kann. Waehrend ihre Songs die Charts eroberten, Teenies ihr Make-up kopierten und Plattenbosse sich an ihrem Erfolg berauscten ("Wir haben sie gross gemacht, groesser als das Leben", bruestete sich Neil bogart, Chef des Labels Casablanca Records), durchlitt Summer saemtliche Superstar-Symptome. Auf dem Hoehepunkt ihres Ruhms Ende der Siebziger kaenfte sie mit Anfaellen und Groessewahn, verlangte mal schnell nach einem Privatjet, bestellte ihn aber wieder ab, als er gerade auf dem Weg zu ihr war. Begruendung: Ihre Astrologin habe ihr geraten, an diesem Tag besser nicht zu fliegen. Sie beschwerte sich ueber die Kuenstlergarderobe in der Arena von Verona und kaufte Juwelen, Kleider und autos wie andere Leute Schwarzbrot. "Ich war ein Dollarzeichen", sagt sie. "Die Leute haben sich nur noch wegen meines Erfolgs und meines Geldes um mich bemueht, meine Persoehnlichkeit loeste voellig auf." Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Selbstmordgedanken waren die glanzlosen Begleiter des Geglitzers.

Heute, und das ist immerhin 20 Jahre spaeter, sieht Donna Summer, 50, besser und juenger aus als zu den Zeiten ihrer grossen Disco-Hits. das kann unmoeglich nur jenem Gott zu verdanken sain, zu dem sie als "Wiedergeborene Christin" in der Zwischenzeit gefunden hat. Es muss auch einer von dessen irdischen Stellvertretern in Weiss seine Finger im Spiel gehabt haben. aber darueber spricht nicht einmal eine so patente Diva wie Summer. Lieber erzaehlt sie von ihrer Farm in Nashville und wie normal ihr Leben mit ihren Toechtern dort sei. nun hat das Wort "normal" fuer Stars eine leicht verschobene Bedeutung, aber wie zum Beweis ihrer handfesten Normalitaet beginnt Summer vom Waeschewaschen zu reden. "Es macht mir Spass, die Kleider zu sortieren, sie in die maschine zu tun und das Pulver einzufuellen. Ich weiss, das klingt komisch, aber ich raume auch gern den Geschirrspueler ein."

Und man faengt an, ihr zu glauben, dass in ihrem Leben genuegend Raum ist, um sechs US-Nummereins-Songs zu singen und eine "Wiedergeborene Christin" zu sein, um drei Kinder zu bekommen und die Queen of Love zu geben, um Hausarbeit zu lieben und und funkelnde Paillettenroben zu tragen. "She Works Hard For the Money" ist nicht einfach einer ihrer Hits, sondern ihre Hymne.

begonnen hat die Geschichte damit, dass sie acht war und im Kirchenchor so gern ein Solo gesungen haette. "Sie haben mich nicht gelassen, denn meine Stimme war schrecklich. Ich habe gequietscht und gepresst. "Sie hat auch heimlich geuebt, weil sie wusste, dass sie singen kann. "Wenn ich geschriehen habe, war meine Stimme laut und kraeftig." Dann war eines Abends die Solistin krank, und Donna durfte nach vorn treten. "Aus mir kamen so wunderbare Toene heraus, dass ich vor Schreck anfing zu weinen." Damals will sie Gottes Stimme gehoert haben, der zu ihr sagte: Das ist Kraft, und wenn du diese Kraft richtig einsetzt, wirst du beruehmt. Wem immer die Stimme gehoerte, sie hate Recht.

Fuer Summer wird dieser Abend in einer kleinen Kirche in Boston immer ihr Schlusselerlebnis bleiben. Und wenn sie im naechsten Jahr am Broadway mit "Ordinary Girl" Premiere hat, einem Musical ueber das Leben eines schwarzen Maedchens namens Donna, das sich als Tingeltangel-Saengerin in Muenchen durchschlaegt und als Disco-Queen nach Amerika zurueckkehrt, wird diese Szene sicher nicht fehlen.

Wie viel Kraft noch immer in ihrer Stimme steckt, scheint sogar ihren Bodyguard zu erstaunen. Als sie zum Schluss des Interviews die Haende auf die Knie stuetzt, ein paar Oktaven weit ausholt und gurrend die Tonleiter rauf- und runtergleitet, steckt er kurz pruefend seinen kopf zur Tuer herein. "Love to Love You Baby", singt sie ihm lachend entgegen. Auch diesmal wieder unter Ausschluss der Oeffentlichkeit.
 
Popstar Summer ( um 1979 )